Beruflich-akademische Bildung

Berufliche und akademische Bildung sind immer noch zu wenig vernetzt und kaum durchlässig. In diesem Handlungsfeld richtet sich deshalb der Blick auf duale Studiengänge, den erleichterten Zugang beruflich Gebildeter zu den Hochschulen und die gesteigerte Praxisorientierung von Studiengängen. 

Die stärkere Integration der beruflichen und akademischen Bildung soll es ermöglichen, den Erwerb praktischer Fähigkeiten und Kenntnisse mit einer umfangreichen theoretischen Ausbildung zu verknüpfen. Dabei sollen insgesamt die Bildungssysteme durchlässiger gestaltet und flexiblere, individuelle Bildungswege ermöglicht werden. Ziel des Handlungsfeldes ist es, die Zahl der Studienanfänger ohne Abitur bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 2010 auf 21.800 zu verdreifachen und die Zahl der Studienanfänger in dualen Studiengängen auf 8 Prozent zu verdoppeln. Die Zufriedenheit der Studierenden mit dem Praxisbezug in ihrem Studium soll sich über alle Hochschultypen hinweg den Werten der Fachhochschulen angleichen, die deutlich besser bewertet werden.

  • Schwache Halbzeitbilanz bei der beruflich-akademischen Bildung: Wachstum bei Zielerreichung stagniert, Etappenziel 2015 wird verfehlt
  • Verbesserungen durch vergrößertes Angebot bei dualen Studiengängen und steigende Zahl an Erstabsolventen ohne Abitur
  • Negative Entwicklungen bei der Einschätzung der Employability: Studierende bewerten Beschäftigungsbefähigung und Praxisbezug immer schlechter

Indikatorenentwicklung 2010 bis 2015

Der Gesamtindex ist in diesem Handlungsfeld seit 2010 zwar von 0 auf 25 Punkte in dem Jahr 2015 gestiegen. Allerdings hat sich die Steigerung im Verlauf der vergangenen Jahre stark verlangsamt. Die anzustrebenden 50 Punkte zur Zielerreichung bei der Halbzeitbilanz werden deutlich verfehlt. Der Index müsste ab sofort um 15 Punkte pro Jahr steigen, um die Ziele in diesem Feld bis 2020 noch erreichen zu können. Die bisherigen Verbesserungen in der Zielerreichung sind vor allem auf die Steigerung des Anteils dualer Studiengänge (mit entsprechendem Zuwachs bei der Zahl der Studienanfänger über die vergangenen fünf Jahre) sowie auf den steigenden Anteil der Erstabsolventen ohne Abitur an den Erstabsolventen insgesamt (und deren absolute Anzahl) zurückzuführen. Die Steigerung des Anteils dualer Studiengänge erfolgte überwiegend an den Fachhochschulen (von 776 in dem Jahr 2010 auf 1.566 in dem Jahr 2015, Berufsakademien werden in der Hochschulstatistik nicht berücksichtigt). Auf die Universitäten entfallen nach wie vor nur relativ wenige duale Studiengänge (69 in dem Jahr 2015 nach 29 in dem Jahr 2010).

Weitere Indikatoren, wie die Anzahl und der Anteil der Studienanfänger ohne Abitur, haben sich zuletzt nur mäßig bis negativ entwickelt. Insbesondere der Anteil der Studienanfänger verfehlt mit zuletzt 2,4 Prozent sein Etappenziel klar. Dabei ist das Ziel für 2020 – ein Anteil der Studienanfänger ohne Abitur von 5 Prozent aller Studienanfänger – nicht als unerreichbar einzuschätzen: Es orientiert sich am Durchschnitt der drei Bundesländer mit den höchsten Anteilen in dem Jahr 2010, basierend auf den Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Erfreulich ist die Steigerung der Erstabsolventen ohne Abitur von 0,6 Prozent in dem Jahr 2010 auf 1,5 Prozent in dem Jahr 2015. Verschlechterungen der Indikatorwerte gibt es – wie schon in den vergangenen Jahren – bei den Einschätzungen der Studierenden zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit des Studiums. Insgesamt beurteilen nur 33 Prozent der Studierenden an Universitäten das Angebot an Lehrveranstaltungen, in denen Praxiswissen vermittelt wird, als (sehr) gut.

Kommentar von Susanne Viernickel, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit,Universität Leipzig

Vor allem der Beschluss der Kultusministerkonferenz in dem Jahr 2009 zur Vereinheitlichung der rechtlichen Regelungen für das Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife hat im Feld der beruflich-akademischen Bildung Türen geöffnet. Das Thema „Studieren ohne Abitur“ ist mittlerweile kein Nischenthema mehr. Informationsangebote wie zum Beispiel die Webseite www.studieren-ohne-abitur.de bündeln die immer noch diversen Zugangsbedingungen der Bundesländer und bieten vereinfachte Recherchemöglichkeiten; dies hat sicherlich, zumindest bis vor Kurzem, zu steigenden Studierendenzahlen in diesem Segment beigetragen. Durch die vom  BMBF geförderte Initiative ANKOM und ihre Projektergebnisse wurden vielfältige Maßnahmen bereitgestellt, die den Übergang in ein Hochschulstudium für beruflich Qualifizierte erleichtern und sie dabei unterstützen sollen, Studium und Berufstätigkeit miteinander zu verbinden. Einige Hochschulen, insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern und NRW, haben das duale Studium als exzellente Möglichkeit der Verbindung praktischer und theoretischer Ausbildungsanteile entdeckt und bieten vermehrt Studienplätze in diesem Studienformat an.

Die aktuellen Daten des Hochschul-Bildungs-Reports zeigen jedoch deutlich auf, dass diese Entwicklungen keine Selbstläufer sind. Sowohl die Anzahl sowie der Anteil von Studienanfängern ohne Abitur und in dualen Studiengängen stagnieren bzw. sind rückläufig. Noch problematischer ist die Bewertung der Praxisbezüge beziehungsweise der Beschäftigungsfähigkeit seitens der Studierenden; hier liegen die Indizes sogar im Minus und sind weit von den jeweiligen Zielmarken entfernt. Perspektivisch stehen die Hochschulen vor folgenden zentralen Aufgaben:

  1. Studium und Praxis besser miteinander verbinden: Ein großes Thema im Bereich der beruflich-akademischen Bildung ist die häufig als mangelhaft wahrgenommene Verzahnung von akademisch-theoretischer Bildung und in fachpraktischen Zusammenhängen erworbenen Kompetenzen. Duale Studiengänge sind bereits von ihrer Grundstruktur her besonders gut geeignet, hier Synergien zu entfalten und für die Qualifikation ihrer Studierenden nutzbar zu machen. Deshalb ist es wichtig, den Ausbau dualer Studiengänge bundesweit voranzubringen. Besonders schlecht wird die Vermittlung von Praxiswissen und die Möglichkeit, eigene praktische Erfahrungen zu sammeln, in universitären sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen bewertet. Um vertieft zu analysieren, welche Erwartungen Studierende mit dem Stichwort Praxisbezug verbinden und wo genau Kritikpunkte liegen, wäre eine die breiten Surveys ergänzende qualitative Evaluation zielführend. Diese könnte auch konkrete Ansatzpunkte für Weiterentwicklungen und Umsteuerungen liefern.
  2. Anerkennung beruflich erworbener Kompetenzen weiter vereinfachen und strukturell absichern: Individuelle Anrechnungsverfahren haben sich als sehr aufwendig erwiesen, durch die Anwendung pauschaler Anrechnungsverfahren sehen sich Hochschulen der Kritik ausgesetzt, die akademische Qualität ihrer Angebote zu unterlaufen. Wenn die breite Anerkennung beruflich erworbener Kompetenzen als studienrelevante Leistungselemente ernsthaft verankert werden soll, muss es zu einer strukturellen Absicherung kommen: vonseiten der Hochschulen zum Beispiel durch die Formulierung von entsprechenden Ordnungen und die Einsetzung von Anrechnungsbeauftragten, vonseiten der Politik durch das fortlaufende Bemühen um Konsensbildung, Transparenz und – wo sinnvoll – Vereinheitlichung.
Die MINT-Fächer spielen eine entscheidende Rolle für unsere Zukunftsfähigkeit. Viele Neuerungen stammen aus diesen Disziplinen. Umso wichtiger ist es, junge Menschen dafür zu begeistern.
Foto: Thomas Dashuber

Nicola Leibinger-Kammüller

Vorsitzende der Geschäftsführung der TRUMPF GmbH und Themenbotschafterin für das Handlungsfeld Beruflich-akademische Bildung

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Wie lässt sich die Schnittstelle zwischen beruflicher und akademischer Bildung verbessern?

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